Über die Bäume in Mythologie und Brauchtum

Es muß uns nicht schwerfallen, das Wesen der Bäume kennenzulernen, denn wir sind ihnen ähnlich. In unserem Sprachgebrauch finden sich unzählige Vergleiche mit ihnen: Wir haben eine Abstammung und möchten uns verwurzelt fühlen können. Wir entblättern uns, und vielleicht zeugen wir bei der Gelegenheit auch gleich Sprößlinge, um unseren Stammbaum weiterzuführen, denn schließlich sind wir ja aus gutem Holz geschnitzt. Wir sind stämmig und baumstark, manchmal werden unsere festen Grundsätze aber auch morsch. Beschneiden lassen möchten wir uns nicht.

Selbst unsere Körper zeigen uns diese Ähnlichkeit, wie es schon der deutsche Arzt, Naturforscher und Philosoph Paracelsus (1494 - 1541) beschrieb:

Dieses Gewächs [...] gleicht dem Menschen. Es hat seine Haut, das ist die Rinde; sein Haupt und Haar sind die Wurzeln; es hat seine Figur und seine Zeichen, seine Sinne und seine Empfindlichkeit im Stamme. [...] Sein Tod und sein Sterben sind die Zeit des Jahres.

Wir haben wie der Baum eine vertikale (Kopf bis Fuß) und eine horizontale Achse (Schultern, Arme, Hände), beschreibt Autorin Gisela Preuschoff. Unsere Finger wachsen wie Äste aus einem Stamm, sie entspringen der Hand-Wurzel. Das menschliche Blutgefäßsystem - für sich aufgezeichnet betrachtet - ähnelt einem Baum. Überall da, wo es um den Austausch von Nährstoffen geht, taucht im Organismus das Prinzip der Verästelung auf. Wenn wir Drüsen oder Nervenzellen in vielfacher Vergrößerung betrachten, können wir ebenfalls über deren Baumstruktur staunen. Im Kleinhirn befinden sich die Ganglienzellen, die wie Bäumchen aussehen. Und werden die Luftwege des Menschen sichtbar gemacht, kann man deren Baumstruktur deutlich erkennen.

Auch durch unseren Atem sind wir verbunden mit den Bäumen, sind sie es doch, die uns die verbrauchte Atemluft abnehmen und uns den Sauerstoff spenden, ohne den alles Leben enden müßte. Bäume sind unendlich großzügig. Seit jeher ernähren sie uns, schenken uns ihr Holz, ein schützendes Dach, Heilung und Trost, den Duft ihrer Blüten. Wir brauchen die Bäume, wenn auch sie uns nicht brauchen. Die Bäume waren vor uns da. Und so findet sich in vielen germanischen, keltischen, indianischen und anderen Schöpfungsmythen der Glaube, dass es die Bäume waren, aus denen die Götter Menschen erschufen.

Der römische Dichter Vergil zum Beispiel berichtete in dem von ihm verfassten Nationalepos „Aeneis“, über Eichenwälder, in denen Menschen hausten, die aus Bäumen hervorgegangen waren:

Eingeborene Nymphen und Faune bewohnen die Wälder und ein Geschlecht, das war
entstanden aus Stämmen und Kernholz.

Bäume und Wälder als Heiligtum und Stätten der Besinnung

In den Wäldern fühlten sich schon immer die Menschen den Göttern besonders nah. Unsere Vorfahren bauten ihren Göttern keine Tempel oder Kirchen, sondern verehrten sie da, wo sie ihre Gegenwart besonders zu spüren schienen: unter Bäumen.

„Wenn du einem Hain nahst, der mit alten, ungewöhnlich hohen Bäumen bestanden ist, ruft das Geheimnis des Ortes, die Bewunderung des in dem weiten Hain so dichten und ununterbrochenen Schattens, in dir den Glauben an eine Gottheit wach.“, schrieb der römische Philosoph Seneca.

Buddha ward unter einem Baum geboren, fand unter einem Baum Erleuchtung und starb unter einem Baum.

Jeder Indianer hatte seinen eigenen Baum, den er aufsuchte zum Meditieren, zum Krafttanken, zum Gedankenaustausch. Und wenn die Zeit zum Sterben gekommen war, suchte er ihn wieder auf, seinen Baum.

Auch unseren Vorfahren, den Germanen, waren ihre Wälder heilig.

Doch obwohl wir auch in der Bibel unter anderem davon lesen, dass Abraham bei den heiligen Eichen von Mamre zu Gott betete „und dort war ihm die Erscheinung des Herrn und dessen Verheißung“, forderte bereits im Jahr 452 das Konzil von Arles die Menschen auf, vom „gotteslästerlichen Baumkult“ abzulassen. Es begann die vielfache Zerstörung der heiligen Haine unseres Landes. Die letzte, von der Kirche angeordnete Fällung zweier heiliger Bäume im deutschen Sprachraum fand erst im letzten Jahrhundert statt. Ganz ohne Bäume kommt jedoch auch die christliche Religion nicht aus, denn „Gott, der Herr, ließ aus dem Boden allerlei Bäume wachsen, verlockend anzusehen und mit köstlichen Früchten, in der Mitte des Gartens aber den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.“ Und so wußte auch der heilige Bernhard von Clairvaux, ein berühmter Theologe, Ordensgründer und Prediger seiner Zeit (1090 - 1153):

Du wirst mehr in den Wäldern finden als in den Büchern.
Die Bäume und die Steine werden dich Dinge lehren, die dir kein Mensch sagen wird.

Unsere fest verwurzelten Brüder sind still, doch nichts auf Erden ist stumm. Sie haben uns viel zu lehren, wenn wir uns die Zeit und die Ruhe nehmen, ihnen zuzuhören.

Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden.
(Erich Kästner)

Die Rolle der Esche in den Schöpfungsmythen

Vor allem die Esche spielt in den Schöpfungsmythen verschiedener Kulturen auffallend häufig eine Rolle:

Im 7. Jahrhundert vor Christus beschreibt der griechische Dichter Hesiod in „Werke und Tage“, wie Zeus das dritte, eherne Menschengeschlecht aus Eschen schuf. In der nordischen Mythologie waren es Ask und Embla - Esche und Ulme -, aus denen die Götter Mann und Frau erschufen. Und auch der Indianerstamm der Algonkin in Nordamerika führt seine Herkunft darauf zurück, dass der Erschaffer Mann und Frau hervorbrachte, indem er einen Pfeil in eine Esche schoß. Daß unsere Vorfahren, die mit Pfeil und Bogen auf die Jagd oder in den Krieg gingen, ihre Bogen aus dem federnden Eschenholz schnitzten, ist wohl auch des Nachdenkens darüber wert, weshalb dieser Baum so verehrt wurde.

Neben dem Glauben daran, dass die Gottheiten die Menschen aus Bäumen schufen, existiert auch in vielen Kulturen ein „Weltenbaum“. Vorstellungen eines solchen Baumes reichen etwa 4000 Jahre zurück. Der bekannteste ist wohl Yggdrasil, die Weltenesche der germanischen Mythologie. Sie, heißt es, trägt die Welt, verbindet Asgard, das Reich der Götter, mit Midgard, dem Land der Menschen, und mit den unterirdischen Reichen Hel und Niflheim.

Eine Esche weiss ich,
Yggdrasil heisst die hohe,
umhüllt von hellem Nebel.
Von dort kommt der Tau,
der in die Täler fällt.
Immergrün steht sie
am Brunnen der Urd.

(aus der Edda, altisländisches Literaturwerk germanischer Mythologie)

Der Kirschbaum als Symbol der Reinheit und Unschuld

Bereits die alten Römer pflegten den auch heute noch bestehenden Brauch, bei der Geburt eines Kindes einen Baum zu pflanzen. Aus dem Gedeihen des Baumes schlossen sie auf das des Kindes. Auch ist es heute wie damals in manchen Gegenden Sitte, das erste Badewasser eines neugeborenen Mädchens an einen Kirschbaum zu schütten, damit es „schön und edel“ werde. Und in Vollmondnächten, wenn die Rinde des Kirschbaums silbrig schimmert, heißt es, kann man die Baumgeister in weißen Schleiern von durchsichtiger Gestalt wie das Mondlicht um den Stamm tanzen sehen.

Ein Zweig des Kirschbaumes soll es auch sein, den man am Barbaratag, dem 4. Dezember, schneidet und in eine Vase stellt. Jeden Tag frisch gewässert, kommt er dann meist an Weihnachten zur Blüte, was ein segensreiches, fruchtbares, neues Jahr verheißt.

Josef Guggenmos beschrieb diesen alten Brauch:

Geh in den Garten am Barbaratag.
Geh zum kahlen Kirschbaum und sag:
Kurz ist der Tag,
grau ist die Zeit,
der Winter beginnt,
der Frühling ist weit.
Doch in drei Wochen,
da wird es geschehn,
wir feiern ein Fest,
wie der Frühling so schön.
Baum, einen Zweig gib du
dann von dir,
und er wird blühend
in seliger Pracht,
mitten im Winter
in der heiligen Nacht.                                                                      

Vergessen wir auch nicht, welche Bedeutung die Kirschblüte in der japanischen Kultur als Symbol der Reinheit und Unschuld hat. Das Kirschblütenfest „Hanami“ ist über 1000 Jahre alt und wird Anfang Mai gefeiert. Anläßlich dieses Festes reisen hunderttausende nach Kyoto, der Stadt der Schreine und Tempel, die dann von einem Meer von Kirschblüten umgeben sind. „Hanami“ ist heute für die Japaner, wie der Independance Day für die Amerikaner. Es wird gefeiert und gesungen und natürlich auch getrunken.

Vergessen wir aber ferner auch nicht, daß Kirschbaum ein besonders schönes, edles Holz für den Möbelbau war und ist.

Kein Baum, aber ganz schön „zaubrisch“ - der Haselstrauch

Der Haselstrauch indes galt als das rechte Gehölz, um Zauberstäbe und Wünschelruten daraus zu schneiden. Seine Nüsse wurden seit alters auch mit Sexualität und Fruchtbarkeit in Verbindung gebracht. Bereits bei den alten Griechen wurden bei Hochzeiten Nüsse als Glücksbringer und Fruchtbarkeitsförderer unter das Volk gestreut. Und bei uns war es in vielen Dörfern Sitte, dass die jungen Männer ihren Liebsten in der Nacht zum ersten Mai ein Birkenbäumchen vor das Fenster stellten. Ein Mädchen, mit dem man allzu schnell „in die Haseln gehen“ konnte, bekam hingegen statt des reinen Birkenmaiens einen Haselstrauch vor die Tür gestellt, was sie dem allgemeinen Spott preisgab. Sollte die junge Dame im Gegenteil aber so ganz und gar nicht mit in die Haseln gewollt haben, konnte das Gehölz auch da abhelfen: Man mußte der Betreffenden lediglich zu Pulver gebrannte Haselrinde ins Essen mischen, um sie auf den Geschmack zu bringen. Sollte auch das nicht gefruchtet haben, nun, dann bliebe wohl nur noch, dem Burschen zu raten, er solle Weidenblätter mit Zucker kauen. Denn genau das verordnete 1715 der Arzt Hellwig als Therapie „bey der allzu großen Begierde beim Beyschlaf und Geilheit, wenn der Mann allzu hitzig ist, dass sie bisweilen gar narrisch darüber werden“.

Ob die Weide den Geliebten wirklich näher bringt?

Aber natürlich stellten Bäume auch für die Frauen Mittel bereit, die Dinge zu ihren Gunsten zu beeinflussen: Ein alter englischer Zauber weist die unglücklich Verliebte an, dem Fußabdruck des begehrten Mannes etwas Erde zu entnehmen und diese unter einer Weide zu vergraben. Dabei möge sie murmeln:

Grünes Gras und Weide,
seine Seele bringe ich Dir,
laß wachsen seine Liebe zu mir,
so grün wie die Weide.
                                                                                                                     

Wollte das Mädchen wissen, wie erfolgreich ihre Zauberei war, konnte sie ja einem weiteren Brauch folgen und ihren Schuh in die Weide werfen. Neun Versuche insgesamt wurden gewährt und verfing sich der Schuh in den Zweigen, werde man noch im Laufe des nächsten Jahres heiraten, hieß es.

Die Weide war und ist zudem bis auf den heutigen Tag Rohstoff-Lieferant für Korb- und Stuhlflechter. Am Niederrhein, wo die Kopfweiden im Herbst wie einsame Gestalten düster durch den Nebel schimmern, glauben möglicherweise noch heute abergläubige Menschen, um die Bäume spukten die Seelen ertrunkener Rheinschiffer.

Die Eiche als d e r Baum der Deutschen - oder etwa nicht?

Das weiß nun jeder: Die Eiche ist d e r Baum der Deutschen - oder doch nicht? Im alten Griechenland stand die Eiche von Dodona, gehütet von drei Priesterinnen, die im Rauschen der Blätter die Stimmen der Götter vernahmen. Der römische Dichter Vergil berichtete in seiner „Aeneis“ über Eichenwälder, in denen Menschen hausten, die aus Bäumen hervorgegangen waren. Also schon vor den „alten Germanen“ und ihrem Wotan war die Eiche mystisch besetzt.

Der heiligste Baum der Kelten war die Eiche. Jede einzelne Eichel galt als von einer Fee beseelt und war deshalb ein mächtiger Glücksbringer.

Vom keltischen Namen „dair“ für Eiche ist das Wort Druide abgeleitet. Einmal im Jahr bestiegen die Druiden in weißem Gewand ihre Eichen, um mit einer goldenen Sichel die Eichelmistel abzuschneiden, die ihnen das Allerheiligste war. Herabfallende Zweige fing man mit weißen Tüchern auf und verteilte sie als Glücks- und Heilsbringer an das Volk. Als Überbleibsel dieses alten Kultes hat die Verwendung von Mistelzweigen als Weihnachtsschmuck überlebt.

Venedig steht noch heute auf den Stämmen von tausenden Eichen. Unter der Eiche (oder der Linde) hielten unsere Vorfahren Gericht. Und dem Sieger in sportlichem Wettstreit winkte schon zu Zeiten des Turnvaters Jahn ein „Lorbeerkranz“ aus Eichenzweigen. Das unverkennbare Eichblatt ziert die „Spiegel“ jeder Förster-Uniform und auch heute noch werden in den Sportvereinen Urkunden verliehen, die ein Eichblatt schmückt.

Um den Sankt-Andreas-Abend am 29. November rankt sich ein Liebesorakel mit Bäumen: An diesem Abend soll man sich von einer verheirateten Nachbarin eine Tasse Wasser holen, etwas Erde vom Fuß einer Eiche und zwei Birnenkerne dazugeben und das Ganze um Mitternacht trinken. Anschließend möge man sofort zu Bett gehen und der Zukünftige werde im Traum erscheinen.

Die Linde, der erklärte Baum der Liebe (mit Gesundheitseffekt)

Der erklärte Baum der Liebe ist die Linde. Autorin Doris Laudert beschreibt es wunderschön:

[Die Linde] verbreitet innige Mütterlichkeit, und während der Blütezeit wirkt der Baum wie eine einzige Umarmung von Bienen und Blüten. Blühende Lindenbäume rufen Empfindungen wach, die schwer in Worte zu fassen sind und am ehesten noch mit Begriffen wie Heimat, Wärme und Geborgenheit umschrieben werden können.

Die Linde war der klassische Mittelpunkt der Dörfer, der Treffpunkt im Ort, an dem sich das gesellige Leben der Leute abspielte. „Unter den Linden pflegen wir zu singen, trinken und tanzen und fröhlich zu sein“, schrieb Martin Luther, „denn die Linde ist uns ein Friede- und Freudebaum.“

Auch das „Judicum sub tilia“, das Gericht unter der Linde, ist in vielen alten Urkunden belegt. Man glaubte, die Linde als ein in früheren Zeiten als heilig verehrter Baum, könne bewirken, dass die reine Wahrheit ans Licht käme. Schon das „Thing

Franz Schubert's Lied „Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum...“ wurde zum gefühlsseligen deutschen Volkslied. Der „Lindenwirt“ galt was am Ort - und erst recht Ännchen Schumacher, die legendäre und berühmteste deutsche Wirtin, in deren Gaststätte bei Bonn um 1900 die Studenten „kneipten“. Das ihr gewidmete Lied

„Keinen Tropfen im Becher mehr
und der Beutel schlaff und leer,
lechzend Herz und Zunge:
Angetan hat mir's Dein Wein,
Deiner Äugelein heller Schein -
Lindenwirtin, Du junge,
Lindenwirtin, Du junge!“                                                                      

fehlt auch heute noch auf keiner CD mit Studentenliedern. Eines der bekanntesten deutschen Volkslieder „Kein schöner Land in dieser Zeit...“ hat die Linden im Mittelpunkt und der Naturheilkundler hat die Lindenblüte getrocknet in der Schublade, um mit dem Tee mancherlei Unwohlsein zu bekämpfen.

Lindenholz war und ist das Lieblingsholz der Holzschnitzer. Es gehört ein Kunstwerk aus Lindenholz wie „Maria im Rosenkranz“, das in der Kirche „Maria im Weinberg“ steht und der unerreichte Tilman Riemenschneider geschnitzt hat, zum Schönsten, das je aus einem Baum entstanden ist.

© Sandra K. Ferber

Fachbeiträge